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Auszug aus dem Roman von Ralph Billmann "Otter"- Erscheinungsjahr 2017  
 

 

Auszug 1

Obgleich Hauser bis heute ein armseliges Schwein geblieben ist, das vor lauter Kraftfutter aus den Nähten platzt, fühlt er sich dessen ungeachtet, zumindest als selbsternannter Musikproduzent gesellschaftlich anerkannt.

Hauser galt in der Schule als verschwiegenes Kind, dem nur ab und zu unvermutet die geballte Faust ausrutschte, um hier und da mal ein Gesicht mit einem blauen Auge zu verzieren. Gab man ihm sein misslungenes Diktat zurück, heulte er auf wie ein Feuerwerkskörper, als hätte ihm der Lehrer statt seines Diktats Opas Peitsche gegeben. Ja, die gab es für Hauser nicht nur für schlechte Diktate, sondern hin- und wieder für seinen Schliff.  
Irgendwann, noch bevor Hauser seinen letzten Schliff vom Opa bekommen konnte, brach dieser bei einem Wettlauf mit Hauser um den Küchentisch zusammen. Schwach schnalzte die Peitsche ein letztes Mal hinter Hausers Rücken auf, bevor sie mit dem Opa zu Boden fiel, der seine Glieder von sich streckte, wie ein vierbeiniges Insekt, das man kurz zuvor mit einem Latschen erwischt hatte.
Sein Vater blickte benebelt durch seinen blauen Vorhang und hob wie immer sein Glas dazu.
Erst als der Opa sich nicht mehr rührte und Hauser aus seinem Versteck hinter der Küchentür hervorgekrochen kam, dämmerte es Hausers Vater, dass hier was nicht stimmte.
Er brüllte: "Was is'n das nun wieder für'n Spiel, was ihr da beide treibt?"
Noch bevor der Vater begriffen hatte, dass da ein Toter vor ihm lag und mit einem Schlag nüchtern wurde, griff Hauser zur Peitsche, rannte mit ihr hinaus, versuchte sie noch auf seiner Flucht zu zerbrechen - sie setzte sich aber zur Wehr und schlug ihn ein letztes Mal ins Gesicht, wobei sie beim Biegen wie eine Stahlfeder zurückschnellte.
Er rannte mit ihr in den Garten und verscharrte sie im Boden.
Hauser hätte den Opa am liebsten gleich mit verscharrt, damit ihm bis zur eigentlichen Beerdigung jeder weitere Anblick des Opas erspart geblieben wäre.
Aber der Opa sollte nicht gleich verschwinden.
Da bisher alles Geld im Alkohol ertrunken war und zusätzliche Geldmittel für ein Armenbegräbnis erst zusammengeliehen werden mussten, lagerte der Opa noch lange wie ein harter Brotlaib in einer Kühlzelle.
Dann wurde der Opa auf Pump in einem Erdmöbel in die Erde versenkt. Es erinnerte Hauser an das Vergraben von geliebten Haustieren, wie Hamstern, Mäusen und Katzen, die man  in Zigarrenkisten oder Pappkartons legt. Aber geliebt wie ein Haustier war er nicht - zumindest von Hauser nicht. Eher liebte Hauser die großen Spinnen im Garten - die Weberknechte, denen er die Beine ausriss, um das wehrlose Überbleibsel mit dem Finger in einen Ameisenhaufen zu schnippen. Er hasste ihn nicht einmal. Er entbehrte ihn wie den toten Vogel, den er nach dem Begräbnis von einem Baum geschossen hatte.
Ja, Hauser zielte auf alles, was sich bewegte und kleiner war als ein Mensch oder nicht so aussah.
Er besaß eine Luftdruckpistole, die er sich vom ersten Geld besorgt hatte, als sich ein kleiner Stapel von Geldscheinen in seinem vergrabenen Kästchen abgezeichnet hatte. Denn als angehender Millionär wusste er schon mit neun Jahren, dass man sein Geld nicht nur verstecken, sondern auch verteidigen muss. Diese Pistole lag zu oberst auf seinem Geldbündel und wurde gewöhnlich in der Abenddämmerung von ihm befreit, um damit auf Pirsch zu gehen.
Am Bahndamm, unweit der Goerzallee, wo die damals gelagerte Senatskohle der Nachkriegszeit von Jahr zu Jahr in Staub und Asche zerfiel, jagte er die großen grünen Grillen und aschgrauen Nachtfalter und sonstiges Nachtgetier.
Die größte Beute war eine Fledermaus, die nach seinem Schuss wie ein Gummitier vom Himmel fiel und ihn mit blutigem Gesicht des Dracula anlächelte.

 
 

Auszug 2

Als Kind kaufte er sich ein paar Halbpfennigbonbons, die gepudert schienen und nach Seife schmeckten. Als Jugendlicher kaufte er sich Zigaretten und fing das Rauchen an. Es war erst drei Tage her, seitdem sich Mathis die letzte Zigarette angesteckt hatte. Er wollte nicht mehr rauchen! Seitdem fühlte er sich, wie ein eingesperrtes Meerschweinchen, das ständig nach Futter quiekt oder wie eine Ratte, welche das Loch zum Keller nicht mehr findet. Und in Verlängerung dieses Gefühls - das sich wie der Nachgeschmack einer Currywurst aus Rinderwahnsinn und Schweinefett langsam entfaltete, bestimmte er ab da die Tonart seiner weiteren Laune für alle nachfolgenden Tage.

Die ungestillte Sucht nach Tabak, nach Nikotin, ließ Mathis seine Betroffenheit, seine Gereiztheit spüren, ließ ihn in Missstimmung fallen und seine Ablenkungsmanöver vollführen, die aus nutzlosen Handlungen bestanden, wie bei einem gefangenen Insekt im Marmeladenglas, das seine Kapriolen an der glatten Glaswand aufführt, ehe es sich geschlagen gibt. Gleichzeitig spürte er, dass die bisher unentbehrliche, allgegenwärtige, jetzt aber fehlende Zigarette, etwas von ihm entrissen, mitgenommen haben musste, dass ihn im Gleichgewicht gehalten hatte, welches durchs Abhandenkommen seine Ruhelage derart verändert hatte, dass er ins Schlingern geraten war.

Dieses Etwas, so was wie einen inneren Mittelpunkt - einen Mittelpunkt, umgeben und gestützt und gehalten durch ein Handlungsgerüst aus mannigfaltigen Ritualen, die wie kleine gespeicherte Zwangshandlungen unentwegt tagtäglich für die Zeremonie des Rauchens abgerufen und aktiviert worden waren. Er kam schnell zu der Erkenntnis, dass das alte Stützwerk, das seinen Mittelpunkt wie ein Korsett gehalten hatte, durch sein früheres - als er noch nicht geraucht hatte - ersetzt werden musste, damit er sich wieder selbst ertragen könnte. Aber hatte er jemals ein anderes gehabt? Er konnte sich nicht erinnern; schließlich rauchte er schon seit seiner Jugendzeit: und hatte er da überhaupt eines gebraucht? Wenn ja, so müsste er es mühselig unter den Rauchschwaden der letzten Jahrzehnte suchen.
Und wie würde es aussehen, was würde es beinhalten? Schließlich war er älter geworden.
Krampfhaft versuchte er, sich sein Leben vor dem Rauchen ins Gedächtnis zu rufen; aber alles was er sah, waren nur Situationen, waren Bilder, die ihn mit der obligatorischen Zigarette zwischen seinen Fingern zeigten, die nie ausglimmen wollende, nicht wegzudenkende, fast schon pflichtmäßige, mit ihm verwachsene Zigarette, an der er genüsslich saugte wie ein Säugling, eingehüllt im bläulichen Schleier.

Man könnte meinen, nur das Rauchen wäre seine Heimat, sein Leben gewesen, und der Rest war eher ausschmückendes Beiwerk, Dekoration, die man für den einmal angetretenen Leidensweg des Rauchens eigentlich nicht wirklich benötigte. Er musste nicht nur den Verlust der Zigarette, die ein Teil seines Lebens geworden war, überwinden, sondern er musste aufpassen, dass sein ins Schlingern geratener wankelmütiger Mittelpunkt nicht einstürzte wie ein Bauwerk, dem man die Fundamente weggesprengt hatte.

Angeschlagen blickte er auf die leuchtend weiß gestopften Röllchen der Zigarettenwerbung, welche einst in gemischten Stunden seine Kümmernis mit Rauch erstickt und verschleiert hatten. Er wusste nun plötzlich, was Sucht ist, was Sucht bedeutet, die nagend in ihm wühlte und ein ungesättigtes, hungriges Missgefühl freilegte, das ihn beharrlich in eine andere, für ihn nicht vertraute Welt drücken wollte; in eine Welt, die er weder kannte, noch sich vorstellen konnte, die ihm Angst machte.

Und in so vielen Situationen stand er jetzt mit leeren Händen da und spürte seine Unbelebtheit und die Inhaltslosigkeit der Stunden, die er wie bisher außer mit Nikotin mit nichts zu füllen imstande war. Wie abgestorben war nun die Welt um ihn herum geworden, in der er sonst geraucht hatte, die er mit seinem Rauch zu füllen wusste. Das Leben schien nicht mehr lebenswert zu sein. Auf was sollte er sich denn jetzt freuen? Die vielen kleinen Pausen – Pausen, auf die er sich freute in Erwartung einer Zigarette - sind jetzt ein für allemal vorbei.
Er stützte sich mit wenigen Dingen, die ihm halfen, die hinwegtrösteten über seinen Entzug und die sein Leben etwas erleichterten: und war es in den ersten Tagen nur ein kräftiger Schluck Rum aus der Flasche der ihn ins Bett beförderte, um weitere Stunden vergessen zu machen.                           

Dann wieder trieb ihn tagelang eine unbekannte Macht, wie einen Flüchtigen um einen See und ließ ihn vorübergehend seinem Suchtgefühl entkommen. Dann taten ihm die Füße weh und dann die Knöchel und der Rücken, und er musste schon nach wenigen hundert Metern Pausen einlegen, die ihn vor lauter Enttäuschung das Rauchen nicht vergessen, sondern stärker schmackhaft machten als zuvor. Aber wenn er dann als Flüchtiger ermattet dalag, holte das Bohrende und Peinigende der Abhängigkeit ihn ein - schon nach wenigen Stunden packte sie ihn wieder, ließ sein inneres Klagelied ertönen, das mit stillen trockenen Tränen vor sich hinwinselte.

Solange er beim Rauchen gewesen war, solange spürte er nicht die Langeweile und diese unbestimmte, an nichts festzumachende Leere so deutlich wie jetzt. Vielleicht entflieht man mit dem Rauchen eher seiner Langeweile, seinem Nichtstun oder seiner Trägheit, und das Nikotin ist nur ein Bruchteil der Sucht, die in Wirklichkeit aus einem Potpourri von vielen leeren Lebenssituationen besteht, die durch den blauen Dunst unkenntlich verschwimmen.

Was machen eigentlich Menschen, die nicht rauchen? Die müssen sich doch tödlich langweilen. Ach wäre es doch nur der Rauch, dachte er immer wieder. Würde man ihn auffordern, sein Gesicht in einen rauchenden Schornstein zu stecken oder seine Nase in das Auspuffrohr eines Autos zu schieben um zu inhalieren, um zu rauchen - würde er das tun? Da müsste er schon mehr als verdreht sein. Warum dann unaufgefordert, freiwillig den Zigarettenqualm einziehen? Wer hatte es ihm nur ermöglicht, jemals so was zu tun?

Ein Nichtraucher kann kaum wissen, wie mühsam, kräftezehrend und belastend es ist, vom Raucher wieder zum Nichtraucher zu werden. Und wie flatterig er war. Alles quälte ihn auf einmal, sogar der blaue Himmel, der fleckenlos mit seinem vollen Blau über ihm stand. Und den Schrei der Amsel empfand er als nerviges Klagelied eines auf ihn angesetzten nikotinfreien Vogels, der ihn verhöhnen will.

Und bald blickte er in die scheinbar immer stärker feindselig gewordene Gegenwart, und immer häufiger verspürte er die Lust, was Verbotenes zu machen oder jemanden zu ärgern oder einfach irgendwo drein- und draufzuschlagen - gar sich selbst zu schlagen.

Er schlug die Ampeln mit der Faust und lief bei Rot über die Straßen, schlug gegen Laternenmasten und Zigarettenautomaten, trat nach kurzbeinigen Hunden, haute Beulen in sein Auto, bröselte Bierdeckel klitzeklein, um den Staub in die Augen von Rauchern zu pusten, drückte Biergläser so fest, dass sie in seiner Hand zersprangen und erschrak - ja, er erschrak selbst über seine wiederkehrenden Ausbrüche.

Glaubte er doch immer, mit einer Zigarette Gleichklang und Harmonie in sich zu spüren, so kam er jetzt zu der Erkenntnis, dass er seine innere Not, die jeder in seiner Eigenart in sich trägt - nur immer für kurze Zeit von sich weggewälzt hatte auf eine weitere folgende Zigarette und so fort.

Und am Morgen redete er sich ins Gewissen, mit bellendem Husten, wie ein alt gewordener Köter, schaute bitter mit schweren Augen in sich hinein, als würde er den Zigarettenschmutz des Vortages unter seiner Haut suchen, starrte in sein vergiftetes Unbefinden wie einer, den beim Anblick eines Krüppels das Gewissen plagt und fing wieder von vorn an, sich durch den Tag zu quälen und seinen Körper mit Nikotin zu tyrannisieren. Und es wurde ihm unerträglich, den Gedanken des Weiterrauchens zu Ende zu denken. Doch jedes mal verlockte der Tabak von neuem und log ihm Bedürfnis und Wohlgefallen vor, und tausende Male verfiel er diesem Wohlgefallen, dieser alltäglichen, banalen aber hinterhältigen Täuschung.

Ja, es wurde ihm immer unerträglicher, den Gedanken des Weiterrauchens zu Ende zu denken; denn bei diesem Gedanken musste er in seine Zukunft blicken, als starre er in eine Sonnenfinsternis. In dieser Finsternis sah er sich als weißen Schatten, mit bleicher Hühnerbrust, die seine schwarz geteerten Lungenflügel wie durch Seidenpapier durchschimmern ließ und in deren Mitte ein kugelförmiges Karzinom steckte und wie eine Seerose aufblühte, dass es ihm den Atem verschlug.

Dann schloss er die Augen und dachte sich der Verantwortung verweigern zu können, indem er diese Vorstellung - die womöglich schwärzer als seine Lunge war - einfach mit einer weiteren Zigarette aus seinem Bewusstsein zu schieben. Häufig stellte er sich die Frage: warum sich eigentlich mit Gedanken quälen für ein Atmungsorgan, das er nie zuvor gesehen hatte, das so weit weg ist - irgendwo im Nirgendwo - an einem Ort außerhalb seines Körpers außerhalb der Sichtgrenze - es ist doch ein Organ das sich nie über ihn beschwert hatte und das ihm jetzt auch nicht an den Kragen will - denn schließlich atmet er ja noch - also was soll's, was sollen die widerlichen Ausmalungen, die  feindlichen Hirngespinste.

Und immer wieder gab er der Zigarette die Schuld für seine verhängnisvollen Gedanken und beschimpfte sie als ein widerliches, schändlich asoziales Ding; als einen Schädling, der sich unsichtbar wie der gemeine Borkenkäfer bei ihm eingenistet hatte; darüber hinaus ist sie zudem noch scheinheilig und hat die Macht des Fernsehens, die Geduld und Ausdauer einer Zecke und die Zähigkeit der Kakerlake. Sie ist ein Schädling, den er tagtäglich vernichtet hatte, indem er ihn inhaliert, weggeraucht hatte, ohne zu merken, dass dieser Schädling ihn nun sprichwörtlich selbst in der Pfeife rauchte.

 
 

Auszug 3

Andre stapft in die Küche, tritt gegen einen Stuhl, der ihm im Wege steht und stoppt abrupt seinen Spottgesang. Dann betrachtet er schweigend ein Bild, das über seiner Spüle hängt. Es ist schon lang her, dass er es gemalt hat. Es zeigt einen gesichtslosen Mann, der mit kurzen Hosen auf einem Schemel sitzt, mittig auf der Fahrbahn einer Landstraße, die sich zwischen einer Bergkette in der Ferne verliert. Auf seiner rechten Hand steckt eine Handpuppe - ein Kasper - der in sein leeres augenloses Antlitz mit starrem breiten Lachen blickt. Neben dem Sitzenden steht ein Wägelchen, ähnlich der Ziehbrettchen, die kleine Kinder hinter sich herziehen - es ist ein Brettchen auf vier Rädern, auf dem eine kleine Kirche steht. Zwei Schritte von ihm entfernt sitzt ein Kind auf der selben Straße und schaut ebenfalls gesichtslos auf die Bildröhre eines Fernsehers. Weit hinten im Bild läuft jemand einem Ball hinterher. Der Ball mit dem gleichen starren Lachen des Kaspers scheint kurz über ihm in der Luft zu schweben. Mit einem Schmetterlingsnetz bewaffnet versucht der Mensch, ihn einzufangen.

Die Figuren, dargestellt wie in einer naiven Malerei, haben etwas mystisches mit einem Ausdruck von Zurückgezogenheit und hoffnungsloser Einsamkeit.
Andre setzt sich davor und versucht, sich zu entsinnen, wann er es gemalt hat. Dieses Bild ist ein Einzelstück geblieben - es entspricht nicht seinem Malstil - er kann sich nicht erinnern, danach etwas Ähnliches gemalt zu haben. Er arbeitete damals, gleich nach seinem Architekturstudium in einem Architekturbüro und musste von Früh bis Spät Details kratzen.
Er weiß nur, dass bei dem Bild der Pinsel seiner damaligen inneren Auflehnung gefolgt war.
Es muss in jener Zeit der Zauber seiner Tätigkeit als Architekt gewesen sein, der von ihm wich und ihn mit neuer magischer Kraft packte, sein Inneres rüttelte und schüttelte und ihn in einen Wahn des Grübelns schickte, zur Betrachtung seiner Situation, ihn über sein Leben nachdenken und zweifeln zu lassen, über das was er tat. Zum Architekten, mit all dem stumpfsinnigen Kratzen eines Zeichenknechtes fühlte er sich plötzlich nicht mehr berufen. Wahrscheinlich hatte es am Büro gelegen, an den immergleichen Treppendetails die er grenzenlos kratzen musste.
Es hat alles einen Sinn, wenn man an etwas glaubt. Jedoch der Glaube erlosch rasch, wie die Flamme eines Streichholzes. Sein gelernter Job hatte für ihn mit diesem Ausglühen seinen Sinn verloren. Er warf ihn hin, wie den zu eng gewordenen Anzug, derunter den Armen und am Hosenbund ständig zwickte - so als wolle er einen darauf aufmerksam machen: Ich passe nicht mehr in dein Leben.
Andre steht auf und reckt seine inzwischen müde gewordenen Glieder.
Auch heute merkt er hin und wieder das stille Zweifeln an der Zugkraft seiner altgewohnten Wege, die er beschreitet, möchte seinen eingefahrenen Rasterpfaden entfliehen, die seinem inneren Lebensraster zugrunde liegen, und die ihn voranschieben, wie der Instinkt das Tier.
Das Lebensraster hat bei den Menschen eine unnachsichtige Duldsamkeit, die zu durchbrechen wohl nur wenigen gelingt.
"Hatte schon bessere Tage", murmelt Andre, geht ins Zimmer und setzt sich auf die Bettkante.
"Komisch, es gibt Stunden, da platzt mein Kopf vor Ideen und dann gibt es wieder Stunden, da werd' ich das Gefühl nicht los, mir hat man zeitweise einen fremden Schädel aufgepfropft."
 
 

Auszug 4

Otter atmet tief ein, reckt den Hals und späht zwischen zwei hochgewachsenen, aber kärglichen Büschen auf eine trostlose Fassade gegenüber.Die trüben weißen, mit dünnem blauen Rand eingefassten Leuchtbuchstaben einer kleinen Wäscherei werfen ihren fahlen Schein auf Otters Gesicht. Gedankenlos und mechanisch zählt er mehrmals die einzelnen Buchstaben und erfasst erst allmählich das Wort Wäscherei.

Als er sieben Jahre alt war, arbeitete seine Mutter in einer Wäscherei. Einer Dampfwäscherei. Sie befand sich im Randbezirk von Berlin, in Zehlendorf und lag am Ufer des Teltowkanals. Da stand er manchmal als Kind und schaute seiner Mutter beim Arbeiten zu. Da sah er die dampfenden Bügeleisen und die Frauen in ihren hellblauen Arbeitskitteln, darunter seine Mutter lachend mit Schweiß im Gesicht; da roch er das feuchte Gewebe der heißen Stoffe, welche den großen Raum in dumpfe Schwüle tauchten; da hörte er die ächzenden, knarrenden, hölzernen Mangeln, als würden sie gleich zerbersten; da hörte er das Zischen von den Pressluftschläuchen, die sich in Schraubenlinien von der Decke runter wanden, und ein Haus weiter, gleich nebenan, wich ein süßlicher Gummigeruch in den schmalen Hof durch die geöffnete Tür einer Werkstatt, in der rotbraune und schwarze Nockenbeläge aus Gummi hergestellt wurden. Und auf dem Hof, da stand ein elfenbeinfarbener Wäschetransporter - ein eigentümliches Vehikel, das zur Wäscherei gehörte.
Mit diesem Teil wurde er allmorgendlich mitgenommen und zwei Stunden durch die Stadt kutschiert, bis seine Schule anfing. Den Einfall hatte seine Mutter - Otters Schulunterricht begann eine Weile erst zur zweiten Stunde, und Otters Mutter wusste nicht so recht, wohin mit ihm in dieser Zeit.
Das Auto - ein dreirädriges Gefährt, Modell Tempo A 400, ein Kastenwagen der fünfziger Jahre, dessen Aussehen Otter befremdete. Die Motorhaube geformt zu einer mächtigen, gebogenen Nase, unter deren abgeschnittener Nasenspitze ein einzelnes Rad herausschaute und an deren Nasenflügelseiten große runde Scheinwerfer klebten und einen wie Augen anglotzten. Daneben Lüftungsschlitze wie Haifischkiemen. Das ganze Auto ähnelte einer übergroßen Spürnase, die mit 12 PS über den Asphalt kroch und mit ihrem knatternden Geräusch des Zweitakters an ein widerspenstiges Wesen erinnerte, das sich bösartig den Weg bahnen will. Wurde bei den Kunden Zwischenhalt gemacht und die Wäsche abgeliefert, so saß Otter ganz allein im Führerhäuschen und schaute durch die Scheibe, über den blechernen gekrümmten Nasenrücken auf die Straße, und manchmal durchzog ihn ein abwegiger unangenehmer Kitzel, die Nase könnte unvermittelt lebendig werden und mit Otter allein die Straße dahinkriechen. Der Wäschefahrer - ein stummes Stück Holz, das nie ein Wort mit Otter wechselte, als wäre Otter nur ein weiterer Wäschesack auf seinem Gefährt, gab Otter das Gefühl, er sei nicht nur überflüssig, sondern eine weitere Last, die allmorgendlich ausgefahren werden muss.
Die Wartezeiten wurden für Otter zunehmend länger und unerträglicher; ob sie es wirklich waren oder ob es nur Otters Gefühl war - er weiß nur, dass er sich bald so überflüssig, so nutzlos vorkam, dass er seine Mutter bat, alleine die Stunden bis zum Schulbeginn überbrücken zu dürfen.
Das Gefühl, schnell jemandem zur Last zu fallen, saß Otter fein gewebt unter der Haut und wurde freigelegt, wenn man für ihn etwas tat. Und tat man für Otter nichts - was eher die Regel war - so zog sich das feingesponnene Gewebe zusammen und legte sich wie ein zu eng gewordenes Netz um seinen Körper, so dass es schnell seine Seele einschnürte. Oft steckte er derartig in diesem angespannten wie bedrohlichen Balanceakt zwischen bekommen wollen und nicht nehmen können, dass es ihn zu Handlungen hinriss, die weit über sein eigentliches Bedürfnis hinausgingen und sich niederschlugen in seinem Verhalten als Auffälligkeiten, die Abneigung und Strafe nach sich zogen und empfindlich an seinem Selbstwertgefühl nagten. Es war ein Teufelskreis, der sich ständig wiederholte und seine dunkelsten Schattenseiten erst in der Schulzeit für alle sichtbar offenbarte.

 
 

Auszug 5

Otter weiß, dass ihn Rohs immer wieder beflügeln kann, weil Rohs die besondere Gabe besitzt zu begeistern, zu entzünden wie kein anderer und mit seiner inbrünstigen Glut das in Otter aufspürt, freilegt und an die Oberfläche befördert, was für Otter schon abgeschrieben war wie ein gesunkenes Schiff am Meeresgrund.

Mit beharrlichem Optimismus zerrt Rohs ein altes Wrack über Wasser, kittet ein paar Löcher, streicht es neu an, schmückt es aus und lässt es auf dem sonnenbeschienenen schillernden Nass wieder gleiten, als wäre es nie untergegangen.  Selbst die altbackenen, abgeklärten oder gesottenen Typen, ob Musiker, Veranstalter oder Produzent versteht er nicht selten für seine Anliegen zu entflammen, zu fesseln, mitzureißen und zu gewinnen, als hätte er Kleinkinder vor sich, denen er ein langweiliges Spielzeug oder einen billigen Lolly schmackhaft machen will.

Er würzt und kandiert mit wenigen Worten, als würde er eine feine Soße veredeln und dazu mit einer Bescheidenheit, als wolle er seinen letzten Happen Brot mit ihnen teilen. Das spricht für Rohs. Es ist einfach seine Art, Leute zu gewinnen, ohne dass er sich anstrengen muss; und wenn er nur bei einem seiner Konzerte wie selbstverständlich nach dem letzten gespielten Stück ins Publikum sagt: "und nun spielen wir als letztes Stück die Zugabe".

So abfällig es vielleicht klingen mag, aber als Warenverkäufer hätte er wahrscheinlich mehr Geld in seinen Taschen als als Saxofonist. Wenn er was für sich durchsetzen will, geht häufig seine übertriebene Bescheidenheit, die seiner Selbstkritik und seinen übermäßigen Selbstzweifeln entspringen muss, soweit, dass er sich darstellt, als hätte er nichts anzubieten außer einer Tüte Flöhe, deren Inhalt beim Anpreisen ständig weghüpft. Das verspricht zwar nicht den Erfolgt eines guten Vertreters - trotzdem kann man sicher sein: irgendwie schafft er es doch immer wieder. Er gibt eben nie auf und wenn er nur die leere Tüte mit den magischen Worten eines Zauberkünstlers als einzigartige Idee verhökert.

„Und dennoch: Ich glaube nach wie vor an eine gute CD“, wiederholt sich Rohs und lacht Otter gestelzt an.
„Auch wenn du mich jetzt schlagen willst.“

Der Abend endet, als Otter das Gefühl hat, er befinde sich auf einer Schaukel, die ihn in langsamen schweren Bewegungen auf und ab treibt. Otter versucht, einen klaren Blick auf Rohs zu richten, aber merkt dabei, wie sich seine Augäpfel selbstständig machen, sich aus den Augenhöhlen befreien, um große Kreise um Rohs Kopf zu ziehen. Otter merkt den Alkohol, der jetzt immer fester zuschlägt und wie seine Schaukel aus der Bahn zu schleudern droht.

Die letzten Tage sahen für Otter aus, wie die Flächen unbemalter Leinwände. Otter schaltet den Fernseher ein und stiert auf  einen leicht geöffneten Schlabbermund, der ihn an den Inhalt einer gerade geknackten Auster erinnert. Die Lippen glänzend, wie durch einem Trog mit Schmelzkäse oder Lötfett gezogen.
Ja, da kauert sie wieder. Wie heißt sie noch mal? Miesjansen ... Mieskratzen ...oder so. Ist es denn schon wieder Sonntag?
Die Beine der Mieskratzen, übereinander gelegt - gekreuzigt und hölzern -Pinocchio lässt grüßen. Die Augen, zwei braune selbstgerechte Stechäpfel, auf die sprechenden Politinsekten fixiert, welche sich im Fernsehstudio als aufgeblasene scheinheilige Käfer langsam aus braven Engerlingen entpuppen um zu  Nölen  wie nicht anspringende alte Dieselmotoren. 
Altertümliche Modelle: Wänste mit doppelzüngigem immer gleichen Gehudel.
Pinocchio und die Wänste, ein  wertloses Spektakel mit viel Lärm um nichts, wie das gesamte Fernsehprogramm...